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"Nebel im August" von Robert Domes

Robert Domes

Eine verhängnisvolle Biografie, welche die schreckliche Ideologie der Nazis für die Opfer der grausamen Verfolgung und Ausmerzung ganzer Volksgruppen deutlich macht. Sommer 1933: Während Millionen Deutsche ihrem neuen Führer huldigen, geht es mit der Familie Lossa bergab. Ihr Sohn Ernst Lossa erlebt Aufstieg und Fall des Hitlerregimes aus einem ganz besonderen Blickwinkel: von ganz unten. Von der Landstrasse, vom Rande der Gesellschaft, durch seine Herkunft als Ausgegrenzter, zuletzt in einer Heil- und Pflegeanstalt, die in den 40-er Jahren zu einer grossen Tötungsanstalt wird.

"Nebel im August" ist ein biografischer Roman über einen Jungen, der 1929 in Augsburg geboren wurde. Seine Familie gerät 1933 ins Visier der Nazi-Bürokratie. Sie sind Jenische und ziehen als fahrende Händler durch die Dörfer in Süddeutschland. Landfahrer werden von den Nazis zunehmend gegängelt, dazu ist die Mutter hochschwanger und schwer krank. Die Behörden greifen ein und reissen die Familie auseinander. Damit beginnt für den kleinen Ernst Lossa der Abstieg. Seine Mutter stirbt, sein Vater landet im KZ Dachau. Ernst kommt ins Waisenhaus, wo er in einer groben Hackordnung aufwächst, zu lügen, zu stehlen lernt, und scheinbar die dort erzwungene Ordnung stört. 1940 schieben ihn die mit ihm überforderten Nonnen in ein NS-Erziehungsheim ab. Doch der Zehnjährige passt auch hier nicht ins System. Ein Sonderling, der sich nicht erziehen lässt und sich gegen Kälte und Zwang auflehnt. Eine Gutachterin stempelt ihn als „asozialen Psychopathen“ ab. Nach zwei Jahren weisen ihn die Erzieher in ein Irrenhaus ein, obwohl der Junge weder behindert noch geisteskrank ist. Doch bald entdeckt Ernst, dass hinter der Fassade der Heilanstalt unheimliche Dinge geschehen. Dabei ahnt der 14-Jährige nicht, wie sehr er selbst in Lebensgefahr schwebt. Im Sommer 1944 bekommen die Todespfleger die Weisung: Ernst Lossa muss beseitigt werden. Dort wird er im August 1944 im Alter von knapp 15 Jahren mit einer Überdosis Morphium umgebracht.

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Recherche
Die Biografie eines Euthanasie-Opfers, noch dazu Mitglied des fahrenden Volkes, der Jenischen, zu schreiben, erforderte einen erheblichen Rechercheaufwand. Den Anstoss dazu gab Dr. Michael von Cranach, damals Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, welcher seit Jahrzehnten die Euthanasie-Geschichte der bayrischen Heil- und Pflegeanstalten erforschte und er den Fall Lossa für sein Buch "Psychiatrie im Nationalsozialismus" (Oldenbourg Verlag 1999) dokumentierte. Prägend für das Leben von Ernst Lossa waren fünf Stationen: Die frühe Kindheit bei den Eltern, die Zeit im Augsburger Waisenhaus, im Erziehungsheim in Markt Indersdorf, in der Heilanstalt Kaufbeuren und zuletzt in der Nebenanstalt Irsee. Der Autor des Buches „Nebel im August“, Robert Domes, forschte an den Originalschauplätzen, den Orten und Einrichtungen, in denen Ernst Lossa einen Teil seines Lebens verbracht hat. Aber wie der Alltag dort in den 30-er und 40-er Jahren aussah, blieb lange unklar.

Die Zeit im Heim
Das Kinderheim in Augsburg-Hochzoll, heute eine Jugendeinrichtung, forschte für Robert Domes in alten Unterlagen, um den Heimalltag dieser Zeit zu ergründen. Dazu kamen Zeitzeugen, die zur selben Zeit in dem Heim lebten. Von ihnen stammen die meisten Szenen aus dem Tageslauf, aus der Schule, von den Lausbubenstreichen, der Hackordnung im Heim. Die Geschichte des NS-Erziehungsheims in Markt Indersdorf zwischen 1939 und 1945 war bislang unerforscht. Hier half ein Glückstreffer: 40 Kartons mit Zöglingsakten, die im Keller des Instituts für Zeitgeschichte in München lagerten und die er einsehen durfte. Aus den mehreren hundert Akten über die Kinder von Indersdorf wurden der Alltag im Heim und die Person Ernst Lossa deutlich.

Dokumente der Amerikaner
Im Gegensatz dazu sind die Vorkommnisse in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren/Irsee während der NS-Zeit gut dokumentiert. Dies ist nicht zuletzt Michael von Cranachs Verdienst, der 1980 anfing, die Akten aufzuarbeiten. Der grösste Fundus für das Grauen hinter den Anstaltsmauern ist jedoch den amerikanischen Besatzungsmächten zu verdanken. Sie untersuchten nach dem Krieg die Zustände in der Anstalt und stiessen bei den Zeugenvernehmungen immer wieder auf den Fall Ernst Lossa, der offenbar viele Pfleger nachhaltig beschäftigte. Dadurch gibt es in den Vernehmungsprotokollen zahlreiche Hinweise auf und Beschreibungen über den Jungen, der weder in die Anstalt, noch in das von den Nazis propagierte Modell vom „Gnadentod“ passte. 1949 wurde der Mord an dem Jungen zum Präzedenzfall im Euthanasie-Prozess gegen Ärzte und Pfleger vor einem Augsburger Schwurgericht. Durch die Vernehmungen und Gerichtsprotokolle ist das Leben des Jungen und seine Ermordung im Vergleich zu den zahllosen unbekannten Euthanasie-Opfern gut dokumentiert.

Die Jenischen
Das Schicksal dieser Volksgruppe, von der heute in Deutschland noch etwa 100.000 Menschen leben, ist nach wie vor "ein weisser Fleck auf der historischen Landkarte", so die Auskunft des Dokumentationszentrums deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Die Jenischen werden seit je her als "Zigeuner" bezeichnet und ebenso verfolgt – auch in Lossas Akte steht "kommt aus einer Zigeunerfamilie". Im Gegensatz zu Sinti und Roma ist jedoch weder die Herkunft der Jenischen, noch ihre Verfolgungsgeschichte erforscht. So war Robert Domes auf die Erzählungen von Verwandten der Lossas und dem Stadtarchivar von Augsburg angewiesen.

Nebel im August
Nebel im August, Robert Domes, cbt – C. Bertelsmann Verlag, 2008