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Georges Simenon, Journalist, Schriftsteller

Georges Simenon

Ein einzigartiger Zeitzeuge: Als Mensch, Journalist und Schriftsteller ist Simenon eine Ausnahmeerscheinung. Zu seiner Zeit hätte man ihn ein Tausendsassa genannt. Seine enorme Schaffenskraft, Ideenvielfalt, sein Lebenshunger gepaart mit Interesse, Fantasie, Fernweh, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Der Theaterkritiker Georg Hensel bemerkte über ihn: «Wer im 21. Jahrhundert erfahren will, wie im 20. Jahrhundert tatsächlich gelebt und gefühlt worden ist, muss Simenon lesen. Über den einzelnen Menschen weiss kaum einer so viel wie er.»

Würdigung:
Simenon hat Hunderte von Büchern geschrieben. Deutlich weniger bekannt sind seine Tagebücher, welche wichtige Informationen über ihn persönlich und zu seinem Werk enthalten. Ebenfalls eine tolle Quelle sind die Maigrets, die ihn durch vierzig Jahre als sein Held und Alter Ego begleiten. Die meisten spannend und bewegend, welche einen wandlungsfähigen Menschen zeichnen. Das Abbild von Maigrets Leben zeigt auch einen Simenon in all seinen Lebenslagen und seiner Entwicklung, sofern es nicht um seine Kindheit und Jugend geht mit Nöten und Demütigungen, die er eigentlich nie verkraftet hat. Sie waren die Voraussetzung dafür, dass Simenon jene Menschen, die durch Erniedrigung, der Verletzung ihrer Würde geprägten Gestalten schaffen und begreifen konnte, welche über die Fantasie des Autors weit hinausreichten. Sie zeigen Simenon als belesenen, wachen Geist, der sich ganz unterschiedlicher Schicksale annimmt. So finden sich darunter immer wieder Opfer einer falschen, staatlichen Fürsorgepolitik, wie Heim- und Verdingkinder. Auch kleine Bürger mit wenig Perspektiven in einer zementierten Gesellschaftsmoral.

Gerade in den «Maigret»-Krimis zeigt sich sein Verständnis und Mitgefühl. Simenon beschreibt die Komplexität der menschlichen Beziehungen, oft überraschende Wendungen oder den Niedergang von Menschen, die immer weiter im Sumpf versinken, sei es von aussen aufgezwungen oder von ihnen selber verursacht. Die Klaviatur der Gefühle und Handlungen seiner Figuren und ihrer Mitmenschen sind beispielhaft. Simenon geht oft neue Wege, wählt eigenständige Strategien und zeichnet die typischen Gesellschafts- und Machtverhältnisse des 20. Jahrhunderts nach. Er unternimmt Milieustudien, beschreibt unterschiedlichste Lebenswelten und die eigene Dynamik von Berufsgruppen und Gesellschaftsklassen. Darunter hat es auch einzelne schöne, manchmal quere Liebesgeschichten wie «Die Marie vom Hafen». Mit dem Roman «Brief an meinen Richter» zeigt Simenon ebenfalls das ungewöhnliche Vorgehen eines Angeklagten.

Simenons grosse Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe verblüfft in jedem seiner Werke immer wieder. Der Autor Friedrich Glauser hat Simenon sehr bewundert und mit seinen Krimis um Wachtmeister Studer eine eigene Figur geschaffen. Viele Zeitgenossen wie André Gide, Jean Cocteau, Patricia Highsmith oder Federico Fellini haben ihn verehrt und gewürdigt. Zahlreiche seiner Werke wurden verfilmt.

Kurzbiografie:
Georges Simenon wurde 1903 in Liège/Belgien geboren. Nach einer abgebrochenen Buchhändlerlehre begann er als Lokalreporter. Später arbeitete er in Paris als Privatsekretär eines Marquis. In Paris wohnte er auf seinem eigenen Boot, mit dem er sogar bis nach Lappland fuhr. Es folgten Reiseberichte und erste «Maigret»-Romane. Schaffenskraft und viele Ortswechsel bestimmten 30 Jahre lang sein Leben, bis er sich im Kanton Waadt niederliess, wo er 75 «Maigret»- und über 120 «Non-Maigret»-Romane schuf, sowie umfangreiche autobiographische Arbeiten diktierte. Er starb am 4. September 1989 in Lausanne.

Text: Walter Zwahlen

Maigret-Romane

 
Szenenbild aus der Simenon-Verfilmung «Die Marie vom Hafen» von Marcel Carné mit Jean Gabin und Nicole Courcel. Trailer zum Film «Die Katze» von Pierre Granier-Deferre mit Simone Signoret und Jean Gabin, ebenfalls nach einem Roman von Georges Simenon.