Zeitzeugen

Dora Stettler –
als "Pflegekind" im Emmental

Zusammen mit einem älteren Bruder und einer Schwester erlebte Dora Stettler die ersten sieben Jahre eine glückliche Kindheit im Berner Breitenrainquartier. Aber dann kam es zur Trennung und später zur Scheidung der Ehe der Eltern. Die Mutter bekam das Sorgerecht, liess aber die drei Kinder bevormunden, um den Einfluss des Vaters zu mindern. Sie hatte auch schon einen neuen Freund im Visier und die drei Kinder standen diesem neuen Glück im Wege.

Eines schönen Tages ging es auf einen verheissungsvollen Ausflug Richtung Berge. Dora und ihren Bruder brachte man so als Verdingkinder zu verschiedenen Bauern in den Hügeln über Oberdiessbach. Etwas später wurde auch die ältere Schwester Elsbeth zum selben Bauern verdingt wie Dora. Harte Arbeit, Einsamkeit, Prügel und Misstrauen bestimmten fortan das Leben. Einzig die Besuche des Vaters waren Lichtblicke in diesem düsteren Kinderalltag. Endlich schritt die die Vormundschaftsbehörde auf Drängen des Vaters ein, brachte die beiden Schwestern weg, aber verdingte sie weiter zu einer Arbeiterfamilie in der Gemeinde Zäziwil.

Die neue „Pflegemutter“ Platz entpuppte sich zunehmend als Teufelin. Ständig dachte sie sich neue Boshaftigkeiten aus. Verdorbenes Essen, falsches Schuhwerk, ungenügende Kleidung und ungeeignete Schuhe , Einsperren, Beschuldigungen, Verdächtigungen, Fallenstellen, ungerechtfertigte Strafen. Für Nichts-und-wieder-Nichts gab es Trachtprügel. Wie von Sinnen schlug sie auf die kleinen Geschöpfe ein. Dabei mussten die beiden Mädchen unter den strengen Blicken der Aufpasserin den ganzen Haushalt erledigen, abwaschen, putzen, Wasser holen, Einkäufe besorgen, Botengänge für Nachbarn erledigen und täglich in der Käserei Milch holen. Was sie zu leisten hatten, ging meist über ihre Kräfte. Dazu war das Dorf eine halbe Stunde zu Fuss entfernt. Manchmal mussten sie den Weg mehrmals pro Tag unter die Füsse nehmen. Nur der Pflegevater war menschlich zu ihnen, nahm sie manchmal in Schutz und vergriff sich nicht an ihnen.

Die Weihnachtspakete mit den Geschenken wurden von der Bäuerin beschlagnahmt, das Meiste der eigenen Tochter zugeschanzt und die beiden Mädchen mit kümmerlichen Resten abgespiesen. Dies gehörte mit zu den vielfachen Quälereien. Dazu spielte sie auch die beiden Schwestern mit ihrem Terror gegeneinander aus, säte Zwietracht und massregelte sie abwechslungsweise. Einzige Unterbrechung im trüben Alltag waren die Schulzeiten und die häufigen Besuche des Vaters. Die Bäuerin verbot den Kindern unter Androhung von schlimmen Strafen, sich beim Vater zu beklagen. Nach langer Zeit des Verfahrens, konnte er sich aber nur ungenügend für die armen Geschöpfe verwenden, wollte er doch keinesfalls sein Vorhaben durch eine unbedachte Handlung gefährden, weil die Mutter nach wie vor das Sorgerecht hatte, sich aber nicht wirklich um ihre Kinder kümmerte.

Endlich nach vier Jahren Leid und Kampf fand der Alptraum ein Ende. Elsbeth und Dora wurden von ihrer Stiefmutter abgeholt und in die väterliche Wohnung nach Bern gebracht. Die vier schlimmen Jahre haben die Elf- und Zwölfjährige jedoch für ihr Leben geprägt; lange Zeit wurden sie das Gefühl nicht los, nichts wert zu sein.

Text: Walter Zwahlen nach dem Buch: Im Stillen klagte ich die Welt an. Als „Pflegekind“ im Emmental, Dora Stettler, Limmat Verlag Zürich, 2004 (Die 3. Auflage des Buches ist in Bearbeitung und ab März 2009 wieder im Buchhandel erhältlich).

Man kann jemand töten, ohne ihn mit dem Finger zu berühren, indem man seine Seele mit moralischen Waffen wie Kummer, Sorgen und Schmerzen attackiert. Und viel mehr Menschen werden durch diese Methode ermordet als durch Gewalttaten.
Jeremias Gotthelf

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