Zeitzeugen

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Unerwünscht – Johanna Saurer

Im Jahr 1932 haben sich meine Eltern gefunden. Als mein um 2 Jahre älterer Bruder geboren wurde, heirateten sie gegen den Willen meiner Grosseltern väterlicherseits. Ihre Ehe stand von Anfang an unter keinem guten Stern, da beide Elternteile zu jung und unerfahren waren. Schon bald wurden sie richterlich getrennt und beide lebten wieder bei ihren Eltern. Sie waren ja Nachbarn. Mein Vater verkehrte nach wie vor bei meiner Mutter, und so wurde sie wieder schwanger, diesmal mit mir. Eine absolut unerwünschte Schwangerschaft. 1935 kam ich in einem armseligen „Gaden“ zur Welt und wurde in der Verwandtschaft herumgereicht. Niemand wollte oder konnte mich aufnehmen, denn alle hatten schon eigene Kinder. Nun schaltete sich die Fürsorge ein. Ich kam zuerst ins Waisenhaus und dann mit 14 Monaten in eine Pflegefamilie.

Mein Vater musste für mich 25 Franken Alimente bezahlen. Dieser Betrag blieb sich gleich bis ich 20 Jahre alt war. Meine Pflegeeltern waren gute Leute und liessen mir viel Liebe zukommen. Sie selber hatten 4 eigene Kinder und dazu noch 4 Pflegekinder. Sie waren nicht begütert, deshalb waren ihnen die Beiträge für die jeweiligen Verdingkinder ein willkommener Zustupf. Ihre vier Kinder haben mich geliebt. Ganz selten, vielleicht einmal pro Jahr kreuzte mein Vater mit der Stiefmutter auf. Meine Mutter sah ich dagegen kaum. Einmal als ich 6 Jahre alt war, und dann meldete sie sich als ich 20 wurde. Sie hatte ebenfalls wieder geheiratet, ein weiteres Kind geboren, welches jedoch 4-jährig an Krebs verstarb. Später kamen noch 5 Halbgeschwister dazu, mit denen ich Kontakt habe.

So wuchs ich integriert in der Pflegefamilie mit dem allerwenigsten zum Leben auf. Es mangelte immer an Kleidung, besonders im Winter. Ich habe nie eine warme Jacke besessen oder gar einen Mantel. Gefroren habe ich oft fürchterlich.

Eine grosse Stütze und Freude war mir Heidi, die Nachbarstochter. Sie war mir wie eine Mutter. Diese Verbundenheit blieb bis zum heutigen Tag.

Es kam die Zeit, dass ich zur Schule gehen musste und ein grosser Schock für mich war, zu erfahren, dass ich nicht den gleichen Namen trug wie meine Pflegeeltern. Ich getraute mich nicht, mit Ihnen darüber zu sprechen. So musste ich vieles selber verarbeiten und stopfte alles in mich hinein. Wenn ich mich doch mal beklagt habe, über diese oder jene Ungerechtigkeit, so sagte mir Mueti: Zeige Ihnen was Du kannst, ich weiss, dass Du es kannst. Dies hat mein Rückgrat gestärkt und ich nahm mir vor, zu zeigen, zu was ich fähig war. Als ich zur Schule ging machte mir das Lernen keine Mühe. Spüren musste ich aber schon in der ersten Schulklasse, dass ich als Verdingkind eine Aussenseiterin war. Meine Pflegeeltern konnten der Lehrerschaft nicht schmeicheln, indem sie ihr Naturalien brachte, um bessere Noten zu erzielen.

Als ich ungefähr sechs Jahre alt war. kam Turi als Verdingkind zu uns aufs Hübeli und blieb bis zum Schulaustritt. Er war fünf Jahre älter als ich. Mit ihm verstand ich mich gut. Auch er wurde von der Vormundschaft Bern platziert und war eine willkommene Hilfe. Es war eine mühsame Zeit, damals, wenn man bedenkt, dass es im Hause noch kein fliessendes Wasser gab. Jeder Eimer musste beim zwanzig Meter vom Haus entfernten Brunnen geholt werden. Kochen noch ohne elektrischen Herd. Für jeden Tropfen heisses Wasser musste Feuer gemacht werden. So durfte der Holzvorrat nie ausgehen.

Die Mittelschule war für mich die Hölle. Der Lehrer hasste mich und strafte mich mit Schlägen. Er warf mir Bücher oder den Schlüsselbund an den Kopf, so dass mir die Nase blutete oder ohrfeigte mich. Einmal ging ich nach Hause und klagte mein Leid, bekam aber keine Unterstützung, da man es sich mit dem Lehrer nicht verderben wollte. Im Stillen habe ich gehofft, dass ich es vielleicht doch noch in die Sekundarschule schaffen würde. Aber die Arbeit auf dem Hof hatte Vorrang, und ich hätte auch kein Fahrrad bekommen, um in das 3 Kilometer entfernte Schulhaus zu gelangen.

Später musste ich viele Arbeiten verrichten, die vorher Turi getan hatte. Heuen, Emden, Garben binden, Kartoffeln graben, Rüben einbringen. Im Winter musste Holz ofenfertig gesägt und gespalten werden. Inzwischen war ich in der Oberschule, wo es mir besser ging. Wir hatten einen sehr guten Lehrer und profitierten von seiner Ausbildung als Sekundarlehrer. Er verstand es, uns mit interessantem Stoff zu fördern. Als mein Schulaustritt näher kam, eröffnete mir das Mueti, dass ich sofort nach dem Schulaustritt in die Fremde gehen müsse. So trat ich eine Stelle im Welschland an. Mein Vater, der die französische Sprache beherrschte, fuhr mich mit seinem Auto nach Ostern hin. Dort begann eine harte Zeit für mich, da die Madame stets unpässlich war, und ich neben der harten Arbeit auf dem Feld auch noch fürs Kochen verantwortlich war. Eine ständige Schinderei. Nur am Sonntagmachmittag hatte ich 2 – 3 Stunden frei. Morgens hiess es früh aufstehen, und im Sommer war es manchmal fast Mitternacht, bis ich ins Bett kam. Im Nachhinein staune ich, dass ich das ausgehalten und durchgestanden habe. Gerne wäre ich in den Tessin gegangen, um Italienisch zu lernen. Niemand war mir behilflich, so nahm ich erneut eine Stelle in der französischen Schweiz in einer kleinen Pension für rekonvaleszente Personen als Mädchen für alles an. Das Essen war schlecht und ungenügend. Ich hatte minder oder mehr stets Hunger.

Im Laufe des Sommers konnte ich die Aufnahmeprüfung als Telefonistin machen. Am 1. November 1952 begann ich meine Lehre in Basel. Finanziell kam ich mit den damals 230 Franken Monatslohn nur recht und schlecht über die Runden. Nach der Lehrzeit liess ich mich nach Bern versetzen. Später arbeitete ich bei einer Transportfirma in Basel. Der Zufall wollte es, dass auch mein Bruder in Basel eine Stelle fand. Wir suchten eine gemeinsame Wohnung. Durch ihn lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen, und kurze Zeit nach unserer Verlobung, beschlossen wir zu heiraten. Im Sommer 1957 wussten wir, dass wir ein Baby haben würden und es ging mir gut. Im November aber bekam ich arge Komplikationen, die eine Einweisung ins Spital nötig machten. Dann endlich am 7. Januar 1958 war es so weit, unsere Tochter Therese wurde geboren, wir waren überglücklich. Dank meines Schwiegervaters konnten wir 1960 ein Reihenhaus in Münchenstein kaufen. Wir mussten uns aber alles hart erarbeiten, da wir um alles in der Welt keine Schulden haben wollten. Leider wurde diese Zeit erneut von Krankheit überschattet. Ich hatte unbestimmte Beschwerden und musste wegen einer Gelbsucht für fünf Wochen ins Spital. Unser Töchterchen fand während dieser Zeit bei meinen Pflegeeltern Aufnahme. Die Zeit im Spital war hart für mich. Jedoch hatte die Krankheit auch etwas Gutes. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, habe viel gelesen und das war eine Art Seelenwäsche. Wir vermissten es sehr, dass wir in Basel keine Verwandten in der Nähe hatten. Zum Glück fand mein Mann eine Stelle in den eidgenössischen Militärbetrieben in Thun. Ende Juni 1966 konnten wir nach Steffisburg zügeln. Nun hatten wir alle unsere Lieben in der Nähe. Zu meinem Vater fand ich Zugang und auch zu meiner Mutter, obwohl das Verhältnis nie innig wurde. Unsere Tochter verheiratete sich und schenkte uns 4 Grosskinder. Die junge Familie wohnt nebenan im Neubau auf unserem Land. Inzwischen sind die Enkelkinder ebenfalls erwachsen und wir bereits sechsfache Urgrosseltern. Doch dann kam ein neues Leid. Mein Mann erlitt einen leichten Herzinfarkt, der eine Bypass Operation nötig machte. Im Anschluss an die Operation kam es zum Herzstillstand, und er musste reanimiert werden. Dies hatte dann eine totale Lähmung zur Folge. Nach einem fünfmonatigen Spitalaufenthalt konnte er wieder nach Hause. Ich liess einen Treppenlift einbauen, damit er mit dem Rollstuhl in die Wohnung gelangen konnte. Inzwischen hat er viel von seiner Selbständigkeit zurückerlangt, ist aber auf meine Hilfe angewiesen. Sogar kleine Reisen können wir wieder unternehmen.

Johanna Saurer

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Da sieht man mich im Alter von 2 – 3 Jahren, mit meiner geliebten Pflegemutter.


Trotz meiner grossen Angst, hat man mich auf die gute „Flora“, Nachbars Pferd gesetzt.


Mein Bruder mit Grossmutter.


Auch dieses Kleidchen, das mich als kleines Mädchen zeigt, war ein Geschenk von irgendwo her.


Heidi und ich.


Mit „Züseli“ der geliebten Katze.