Zeitzeugen

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Verding-Tschumpel Nelly –

ein 3.-Klasskind, das nie beim Namen gerufen wurde

Ich wurde in ein karges Elternhaus geboren. Meine Eltern konnte ich mir leider nicht aussuchen. Eine Mutter, die ihre häuslichen Arbeiten kaum wahrnahm. Kochen konnte und mochte sie nicht. Ihre Frustration ertränkte sie im Alkohol. Die Wut auf ihr erbärmliches Leben liess sie meist an mir aus, wenn der Vater ausser Haus auf Arbeit war. Die Verantwortung über meinen, um ein Jahr jüngeren Bruder lud sie mir auf. Aber, oh weh, wenn etwas schief ging. Ich mag mich sehr gut an eine solche Begebenheit erinnern, damals in Kleinhünigen. Eine alte Baracke, darin ein Holzherd mit bauchigen Pfannen. Meine Mutter setzte Milch auf, begab sich dann nach draussen zum Klatschen mit einer anderen Frau, vergass wohl inzwischen die Milch auf dem Feuer. Die Milch fing an zu kochen und sich immer höher nach oben zum Pfannenrand zu bewegen. Mein kleiner Bruder kroch in der Küche herum. Ich versuchte in meiner kindlichen Naivität die Pfanne aus dem Loch zu heben, mit aller Kraft, was mir schliesslich auch gelang, aber oh weh! Auf dem Rand kippte die Pfanne, und die heisse Milch ergoss sich über meines Brüderchens Arme. Nur noch ein herzzerreissender Schrei meines Bruders, dann kam Leben in die Beine meiner Mutter von draussen. Sehe noch heute die verbrannten Fetzen Haut am Pullover kleben, als die Mutter diesen vom Leibe meines Bruders riss. Dann Notfall ins Spital mit ihm. Weiter mag ich mich nur noch an die ungerechten Prügel meiner Mutter erinnern, die eigentlich sie verdient hätte. Die noch heute sichtbaren grossen Narben an meines Bruders Armen zeigen den damaligen grässlichen Vorfall.

Es gab noch einige weitere, schlimme Ereignisse, weil wir immer allein gelassen wurden. Über diese berichte ich nicht, es würde sonst den heutigen Rahmen sprengen. Also fahren wir weiter über das Überleben in Nidau. Schmalbart war tagtäglich unser Gast, besonders bei uns Kindern. Meist musste ich mit leerem Magen in die Schule.
6 ½ Jahre alt, anfangs der 1. Klasse. Mein Vater war ja um diese Zeit schon auf der Arbeit. Oft schickte mich die Lehrerin, Fräulein Lüthi mit knurrendem Magen nach hause, aber das brachte gar nichts.

So wurde ich von der Behörde in Nidau vom kargen Elternhaus in ein stattliches Bauernhaus im Seeland entführt. Dem kann man sicher so sagen, wenn man von der Schule abgeholt wird, begleitet von einer schwarz eingemummten Gemeindeschwester und Vormund, verpackt in ein furchteinflössendes, schwarzes Auto. Eine Fahrt, angeblich in die Ferien.
Hinter der Fassade dieses Bauernhauses galten schreckliche Regeln. Mein einziges Spielzeug, meine heissgeliebte Puppe wurde mir aus den Händen gerissen; mit den Worten: Hier wird gearbeitet und nicht „bäbelet“. Meine Puppe sah ich nie wieder. Ich erlebte dort während neun Jahren als Verdingkind eine traurige Kindheit. Der Tagesspruch klang als Morgengebet: „Du bisch nüt, du chasch nüt, us Dir git’s nüt“! Oder die vier Worte Himmel, Heiland, Donner und Wetter wurden schon vor dem Morgenessen für jedes gut hörbar. Statt Geborgenheit Misshandlungen, Schläge mit Lederriemen, Klopfer, Seil oder Hosenträger, was gerade greifbar war, dazu angebunden, ausgeliefert, wehrlos. Das Sitzen auf der Schulbank war oft schmerzhaft, fast unmöglich. Die Fratze meines damaligen Pflegevaters und die lüsternen Augen verfolgen mich bis heute.
Mein Zimmer oben, zuhinterst bei den Knechten, war nicht abschliessbar, ohne Licht, von der Heizung konnte ich nur träumen. Waschen beim Brunnen, Sommer und Winter, warmes Wasser dafür gab es nicht. Im Winter die Hände voller „Chleck“, schmerzhaft. Oft getraute ich mich deshalb nicht mehr, die Hände ins kalte Wasser zu tauchen. Aber oh Schreck, dann kam bei der Pflegemutter die Reissbürste in Aktion, dann wurde geschruppt, bis Blut floss. Es verging eine kurze Zeit,begann ich nachts das Bett zu nässen. Statt Hilfe musste ich das Höschen runter lassen, dann sauste ein Handvoll Reisig aus einer „Wedelen“ über meinen nackten Hintern, jeden Morgen als erstes. Anschliessend wurde das nasse Leintuch vors Haus gehängt, gut sichtbar für die Schüler, die vorbeizogen. Von da an hatte ich den Uebernamen „Bettseickere“. Hinter dieser schönen Fassade geschahen Dinge, die ich in meinem zarten Alter nie hätte sehen und erleben dürfen. Von meinem Leid wussten einige, aber es kam keine Hilfe von draussen, obschon ich jeden Abend im Gebet darum bat. Es wurde alles totgeschwiegen, aus Angst vor dem Dorfkönig, Tyrannen und Sklaventreiber.

Neun Jahre lang warf man mir meine Herkunft vor, ich wusste nicht, warum ich selber so schlecht sein sollte. Als der Lehrer mich für die Sekundarschule vorschlug, gab es ein höhnisches Gelächter in diesem stattlichen Bauernhaus. Was? Die „Goofen“ armer Leute brauchen keine Bildung. Dasselbe geschah, als es um die Lehre ging. Ich sollte jetzt hinaus in die Welt und mein Leben selbst verdienen, wie wenn ich das nicht schon längst neun Jahre lang getan hätte. Meine mühsam zusammengesparten Rappen, total 250 Franken, wurden mir auch genommen, um angeblich eine Zahnarztrechnung von 108 Franken zu bezahlen. Sogar meine Konfirmandenkleider, das Billigste aus dem Laden zur Stadt Paris in Aarberg, musste ich ein halbes Jahr lang abverdienen. Heute bin ich im 83igsten Lebensjahr. Mein Leben habe ich trotz allen widrigen Voraussetzungen gemeistert. Mit einigen Auf und Abs. Der Glaube ans Gute hat immer wieder aus mir ein Stehaufmännchen gemacht. „Ha äbe doch öppis chönne“. Das harte Nehmen in der Kindheit hat mich geprägt, aber auch stark gemacht für die spätere Zukunft. Es hat mich gottlob nicht umgehauen. Bin heute eine zwar nicht reiche, aber glückliche und zufriedene Rentnerin, die sich aber nicht mehr auf der Nase herumtanzen lässt. Habe gelernt zu verzeihen, aber nicht zu vergessen. Meinen Vater habe ich nie vergessen, meine Mutter schon. Heute fühle ich mich in der Selbsthilfegruppe endlich nicht mehr allein.

Nelly Haueter

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