Zeitzeugen

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Biografie Paul Schwarz

Ich kam am 30. Mai 1960 im Bezirkspital Münsingen auf die Welt. Meine Mutter, war in zweiter Ehe mit meinem Vater, verheiratet. Sie hatte bereits drei Töchter von ihrem ersten Mann. Diese waren in Heimen oder Pflegefamilien platziert. So wuchs ich ohne direkte Geschwister auf. Mein Vater hatte einen mittleren Bauernhof in der Gemeinde Bern in Pacht. Bern war auch mein Heimatort. Ab 1967 besuchte ich die Primarschule. Die Ehe meiner Eltern hatte schon seit einiger Zeit gekriselt, und 1971 wurde diese geschieden. Von 1969 bis 1980 war nun für mich ein Amtsvormund zuständig. Da meine Mutter nicht als fähig erachtet wurde, für mich zu sorgen, und mein Vater nun als alleinstehender Bauer dazu auch ausserstande war, kam ich in der Folge ins Brünnenheim auf den Dentenberg, wo ich die interne Schule besuchte. Meine Eltern konnten mich jeweils je einmal im Monat für ein paar Stunden im Heim besuchen. Dort bemühte sich der Mittelstufenlehrer nun sehr darum, dass ich die Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule machen konnte, und ich bestand diese dann auch. Ab Frühling bis Herbst 1972 besuchte ich die Sekundarschule in Worb. Da ich doch eine beträchtliche Strecke von der Sek weg wohnte, musste man mich mit dem Auto fahren, was auch nicht immer gut klappte. Der Heimleiter hat dann dem Vormund gesagt dass sie dass nicht mehr machen könnten und dass sie einen anderen Platz für mich suchen müssten. Zuerst wollte man aber sehen, ob ich überhaupt in der Sek bleiben würde, da ja dass erste halbe Jahr nur ein Provisorium war. Ich bestand die Bewährungszeit, und so platzierte mich der Vormund im Herbst 1972 bei einem kinderlosen Bauernehepaar im Gürbetal. Von dort konnte ich mit dem Velo in die Sekundarschule nach Belp. Ich hatte ein gutes Verhältnis mit meinen Mitschülern, und obwohl ich nicht bis Ende des neunten Schuljahrs dort war, bekomme ich noch heute die Einladungen für Klassenzusammenkünfte, und konnte es auch schon einfädeln, an zweien teilzunehmen.

Die Pflegeeltern waren sehr streng mit mir. Ich musste arbeiten wie ein Knecht. Tagwache um 5.30, zuerst den Stall, dann in die Schule. Ämtli auch über die Mittagsstunde, wieder in die Schule, und auch die schulfreien Nachmittage nie ohne Arbeit. Nach der Schule, in den Stall, „Znachtessen“ danach im Stall fertig machen. Um 20.30 Uhr war immer Licht aus, ausser es gab noch späte Arbeit zu machen, so zum Beispiel im Sommer Heu oder Stroh einbringen. Dass ging so, Sommer und Winter, Sonn- und Werktage. Auch wenn es eigentlich keine Arbeit gab, hat man immer dafür geschaut, dass ich nicht ohne blieb. So habe ich zum Beispiel ganze Winter lang jeden freien Nachmittag unten im Kellerhals sämtliches Brennholz für uns und die Grossmutter, die im oberen Stock wohnte zuerst mit der Handsäge kleingeschnitten und dann mit dem Beil gespalten. Dass man das gleiche mit einer Tischfräse in wenigen Stunden hätte machen können, stand nie zur Diskussion. Man konnte und wollte mir doch nicht den Nachmittag frei geben!

Natürlich gab es auch haufenweise Prügel. Ein kleines Beispiel: während die Pflegeeltern ein Mittagsschläfchen hielten, waren meine „Mittagsstundenämtli“ dass ich den Hund fütterte, die drei Pferde tränkte, da es in Pferdestall keine Selbsttränke gab, den Kühen, Rindern und Kälbern nachmistete und den unteren Platz wischte. Einmal ist die Mutter dann kurz, nachdem ich wieder zum Haus raufgekommen bin, zu den unteren Ställen gegangen. Unglücklicherweise hatte der Hund in der Zwischenzeit ein kleines Geschenk hinterlassen. Sie glaubte, das sei wieder ein Beispiel dafür, dass ich zu faul sei,um die Sache sauber zu halten. Sie rief sofort nach mir. Als ich unten war, nahm sie mich bei den Haaren, steckte mein Gesicht in den Hundedreck, und mit der freien Hand verprügelte sie mich. Glücklicherweise hat ein Nachbar, der mit dem Velo vorbei fuhr und sah, wie sie mich misshandelte, ihr etwas zugerufen und damit dem Ganzen ein Ende gesetzt.

Natürlich war ich immer an allem Schuld und habe dazu auch stets alles falsch gemacht. Es gab Schläge, wenn die Gummistiefel kaputt gingen, Schläge, wenn der Reisbesen zu einseitig abgenutzt war, Schläge, wenn ich die Blitzhacke zum Anfeuern von vorne in den Holzofen tat, statt die Herdplatte abzunehmen und von oben einzufügen, es gab Schläge, wenn die Pferde nach dem Bürsten zu wenig glänzten, usw. usf.

Die Lieblingszüchtigung der Bäuerin war, mich bei den Haaren zu greifen und mich hin und herzuschütteln. Dass hatte aber zur Folge, dass sie mir die Haare „schübelweise“ ausriss. Es ist dann auch vorgekommen, dass mich meine Mitschüler deswegen hänselten. „Ob ich denn schon eine Glatze kriege“ fragten sie mich? Da mir auf dem Kopf so viele Haare fehlten, hat man manchmal stellenweise bis auf die Kopfhaut gesehen. Auch der Coiffeur schaute einmal recht lange auf meinen Kopf, fragte dann noch einen Kollegen, da er glaubte ich hätte die Räude. Weil eben manchmal auch etwas Kopfhaut mit den Haaren mitkam, entstanden dann da Blutkrusten. Die Bäuerin brauchte auch gerne die Reitpeitsche an mir. Während sie mich mit der linken Hand an den Haaren festhielt, damit ich nicht fliehen konnte, hat sie mir dann diese mit der rechten über den Hinteren sausen lassen. Da war natürlich nachher die Haut auf meinem Hinteren immer voller blutunterlaufener Striemen, und manchmal ist die Haut dann sogar aufgerissen. Dass war dann immer so eine Sache, diese Striemen beim Turnen verstecken zu können. Duschen war deshalb ausgeschlossen und nur einmal hat mich ein Mitschüler deswegen angesprochen. 

Des Bauers Lieblingszüchtigungsmethode war, mich zu ohrfeigen. Ich musste mich dann auch immer ganz gerade vor ihn hinstellen, so dass er mich mit voller Wucht treffen konnte. Wenn ich versuchte, abzuwehren oder mich wegbeugte, wurde die Prozedur wiederholt, bis er zufrieden war und meinte, dass sei jetzt ein guter „Klapf „ gewesen.

Einmal pro Monat übers Wochenende konnte ich abwechslungsweise zum Vater oder zur Mutter. Für meine Pflegeeltern war aber mein Vater nur ein kleiner Dreckbauer, und meine Mutter, die ihr ganzes Leben lang mit psychischen Problemen zu tun hatte, und deshalb eine IV Rente bezog, war nichts anderes als eine faule Dreckhure. Ich als Produkt einer solchen Ehe war nichts wert, und würde es beruflich womöglich zu nichts anderem bringen als vielleicht noch zum Zuhälter. Die Bäuerin war stockkatholisch  und ursprünglich aus der Innerschweiz, sie hat in vielen Dingen immer nur das Sexuelle gesehen. War aber wohl selber sexuell sehr verklemmt, was ihren Mann wie ich später feststellen musste, sehr frustriert hat. Sie hat mir dann immer vorgeworfen dass ich ein Sadist sei, und sie nur aus Bosheit wütend mache, da ich dadurch eine sexuell Befriedigung erhalte. Sie versuchte dann auch immer mich bei der Selbstbefriedigung zu erwischen, ist plötzlich ins Badezimmer gesprungen, hat mir beim Duschen den Vorhang weggerissen, oder ist spät abends in mein Zimmer gestürmt und hat mir die Decken weggezogen. Als 12-jährige Schulbuben haben wir natürlich schon über das eine oder andere auf dem Pausenplatz gesprochen, dennoch ich musste mir noch Einiges aus einem Schullexikon erschliessen. Es wurde mir etliche Male gedroht, mich vorbeugend zu kastrieren, damit ich nicht auch noch selber Kinder in die Welt setzen könne. Im nachhinein war diese Drohung sicher nicht ernst gemeint, aber als 15-Jähriger der schon so Einiges miterlebt hatte, wusste ich das ja nicht. Sie erreichten aber damit, mich möglichst tief zu erniedrigen, meinen Horror zu verstärken und mein Minderwertigkeitsgefühl zu verstärken.

In der Schule habe ich mich nur so durchschlage können. Zum Hausaufgabenmachen hat es halt vielmals nicht gereicht. Meine Zeugnisse waren zwar immer genügend, was mir meinen Sekundarschulerhalt sicherte, aber nie sehr gut. So hat sich dann auch der Berufsberater verwundert, nachdem er meinen IQ gemessen hatte, warum ich so schlechte Zeugnisse hatte, weil Kinder mit meiner Intelligenz meistens im „Gymer“ und später an die Universität gelangten. Etwas, das dann zwei Jahre später auch im Vormundschaftsbericht auftauchte.

Diese Akten konnte ich im Januar 2011 endlich mit der Hilfe des Vereins „netzwerk verdingt“ einsehen. Darin stand dann auch unter anderem, laut Befragung bei den Pflegeeltern, Zitat vom 31. Januar 1974: „...dass er ein wenig bequem und vergesslich ist. Auch hätten sie oft Mühe, ihn zum Aufgabenmachen anzuhalten.“ Und vom 5. März 1976: „ er ist von sehr verschlossener, oft auch zerstreuter Art, was die Pflegeeltern dann als Unaufrichtigkeit und Willenslosigkeit auslegten.“ In den Akten konnte ich auch lesen dass sie 1976 pro Monat Franken 300.- Pflegegeld plus Krankenkassenprämien für mich bekamen.

Sicher wurde mein Los in der Nachbarschaft besprochen, aber es gab niemand, der es hätte verbessern wollen. Der Bauer war in verschiedenen Vereinen und Kommissionen Mitglied, genoss allgemein ein gutes Ansehen, da wollte man sich wohl nicht wegen einem Pflegebub einmischen und einen Streit riskieren. Aber ich kann mich doch an zwei Ereignisse erinnern. Einmal konnte ich noch hören, wie der  Bruder der Bäuerin bei einem Besuch auf dem Hof mit ihr Krach hatte und sagte, dass es nicht normal sei, wie sie mich behandelten. Dann ist er zum Haus raus gestürmt, hat seine Familie ins Auto gepackt und ist heimgefahren. Von Ihm haben wir danach lange Zeit nichts mehr gehört. Ein anderes Mal hat ein Pensionär, ein Nachbar, der fast täglich bei uns zum Kaffee kam, dabei Einiges sah und hörte, eine ähnliche Bemerkung gemacht. Auch er ist während vieler Monate nicht mehr im Haus aufgetaucht.

Im Sommer 1976 rissen eines Nachts die Kälber aus der Weide aus. Ich war schon im Bett, als der Bauer von einer Versammlung nach Hause kam und es bemerkte. Er stürmte wütend in mein Zimmer, holte mich aus dem Bett, damit ich ihm beim Einfangen helfe. Natürlich gab er mir die Schuld, und es setzte eine Menge Prügel. Als ich danach wieder im Bett lag, wusste ich, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Ich beschloss noch in derselben Nacht auszureissen, zog meine Kleider an, stieg durchs Fenster und fuhr mit dem Velo zu meinem Vater. Ich habe mich aber aus lauter Angst meinem Vater nicht gezeigt, bis er beim „Zmorgen“ von Belp ein Telephon kriegte. Er sprach dann beim Amtsvormund vor, und erreichte, dass die Fremdplatzierung beendet wurde. Bis im Frühjahr 1977 lebte ich bei meinem Vater auf dem Hof und besuchte von da aus die Sekundarschule in Bümpliz. Zum Essen ging ich abwechslungsweise zu den zwei Schwestern meines Vaters, die ganz in der Nähe wohnten. Im Frühling 1977 begann ich meine Landschaftsgärtnerlehre. Da mehrere Lehrlinge im selben Betrieb ihre Ausbildung machten, waren wir in firmeneigenen Zimmern untergebracht. Kost und Logis wurden verrechnet, und wir erhielten einen kleinen Lehrlingslohn. Die Wochenende verbrachte ich jeweils bei meinem Vater. Nach der Lehre arbeitete ich 1980 vor und nach der Rekrutenschule weiter im Beruf, um mir etwas Geld zu verdienen. 1981 flog ich nach Nordamerika und besuchte dort einen Schweizer Bauer in Manitoba, Kanada, dessen Vater ich von der Lehrzeit her kannte. Ich half diesem zuerst beim Ansäen des Getreides und dann im Herbst bei der Ernte. Im Sommer und im darauffolgenden Winter reiste ich durch Kanada und die USA. Land und Leute gefielen mir sehr. Es war eine offenere Gesellschaft als in der Schweiz, und ich sah eine Möglichkeit, meinem alten Leben den Rücken zu kehren. Als ich im späten Winter 1982 in die Schweiz zurückkehrte, stellte ich auf der kanadischen Botschaft sofort den Einwanderungsantrag. Im Sommer 1982 wanderte ich dann definitiv nach Kanada aus. Ich gründete 1985 ein eigenes Gartenbaugeschäft in Manitoba, das ich heute noch führe. 1992 heiratete ich, wir bekamen 1993 eine Tochter und 1996 einen Sohn. Weil es im Winter bei uns bitterkalt ist, und deshalb der Gartenbau unmöglich wird, arbeite ich als Skilehrer in einem nahegelegenen kleinen Skigebiet.

Bei den wenigen Leuten, denen ich seither von meinem Leben erzählt habe, kommt immer eine ähnliche Frage auf: „Warum hast Du nie jemandem etwas davon gesagt?“ Eine Frage, die ich mir heute auch selber stelle. Wenn ich einen Vergleich machen kann, so ist es der mit einem misshandelten Hund, welcher sein Leben lang an einer Kette war. Weil er nicht wegspringen kann und sein Kampfgeist ihm bereits als Welpe mit Schlägen ausgetrieben wurde, verkriecht er sich so gut wie möglich in einer Ecke und lässt die Schläge winselnd über sich ergehen.

Ich wollte immer irgendwie vom Gürbetal wegkommen, habe mir sehnsüchtig im Kopf Tage, Stunden, sogar Minuten und Sekunden ausgerechnet, bis die Schule zu Ende sei, und ich in eine Lehrstelle oder sonst wohin gehen könnte. Ich versuchte aber auch immer gut zu sein, hart zu arbeiten, damit ich nicht eine solche Enttäuschung für die Pflegeeltern sei. War dann auch immer wütend auf mich selber, wenn ich etwas falsch machte. Aus dieser Wut enstand Jähzorn, den ich bis heute nicht restlos überwunden habe. Tief in meiner Seele habe ich die Pflegeeltern halt doch geliebt, und versuchte irgendwie verzweifelt, auch von ihnen geliebt zu werden, weil sie  die einzigen waren, die ich lieben konnte. Der Vergleich zum misshandelten Hund, der seinem Besitzer trotz des Missbrauchs gleichwohl immer treu zur Seite steht, ist auch hier angemessen. Dass ist wohl auch der Grund dass ich die sexuellen Uebergriffe des Bauers erduldete. Eine liebende Beziehung zu meinen richtigen Eltern, wie ich sie als Kleinkind und bis achtjährig hatte, war schon lange nicht mehr vorhanden, und wegen denn spärlichen Besuchsmöglichkeiten fast eine Unmöglichkeit.

Obwohl die Kindheit anders verlief, und sie es anders beschrieben, stellte ich doch auch ähnliche Gefühle und Erfahrungen in den Biografien der anderen ehemaligen Verdingkinder des netzwerks-verdingt fest. Welch ohnmächtiges Gefühl, wenn man nur als „Bueb“, oder „Meitschi“ als Verdingkind dasteht, während die leiblichen Kinder von den Eltern „Nestwärme“ zu spüren bekommen, und selber geht man leer aus.

Der Bauer ist 1982 an einem Hirnschlag noch nicht 50-jährig gestorben. Sie ist 1989 an Leukämie verschieden. Ich bin an ihrem Grab gestanden, und habe die Worte: „Ich vergebe euch“ gesprochen, da man ja sagt, wenn Du Deinen Peinigern nicht vergibst, dann misshandeln sie Dich emotional für den Rest Deines Lebens. In den vier Jahren, wo ich dort verdingt war, hat aber das Geschehene an meiner Seele zu viele Narben hinterlassen. Gesprochen habe ich die Worte wohl, aber ich weiss, dass tief in meiner Seele der angerichtete Schaden zu gross ist, völlig vergeben werden ich ihnen kaum je können. In diesem Sinne haben die erlittenen Misshandlungen für mich bis heute eigentlich nicht aufgehört.

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