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Die Praxis der administrativen Versorgung als Forschungsfeld

Urs Germann

Die administrative Versorgung, welche bis Anfang der 1980er Jahre von den Behörden gegenüber minderjährigen Jugendlichen und Erwachsenen beiderlei Geschlechts angewandt wurde, ist erst ein sehr junges Kind der Aufarbeitung und wissenschaftlichen Erforschung. Trotz zahlreicher Menschenrechtsverletzungen wurde diese willkürliche Praxis erst auf europäischen Druck hin mit der Anerkennung der EMRK durch die offizielle Schweiz endlich aufgegeben. Urs Germann gibt mit seinem Text einen ersten Einblick in diese breit angelegten Studien anhand des Kantons Bern.

Ausschnitt:
Die administrative Versorgung Jugendlicher in Bern: ein Spezialfall?
Bis zum Zweiten Weltkrieg führten praktisch alle Kantone Versorgungsgesetze ein auf deren Grundlage sie Männer und Frauen, die den gesellschaftlichen Normen nicht entsprachen, in Anstalten „nacherziehen" lassen konnten. Zu den Versorgten gehörten, wie es in einer Notiz der Berner Polizeidirektion hiess, „Alkoholiker, Liederliche, Arbeitsscheue, Psychopathen (und) Schwachsinnige". Solche „Elemente" wurden nicht nur für die Gefährdung der öffentlichen Ordnung und für steigende Armenlasten, sondern auch für die drohende „erbliche Belastung" kommender Generationen verantwortlich gemacht. Im 20. Jahrhundert dürften schweizweit Zehntausende Personen administrativ versorgt worden sein. In vielen Kantonen konnten auch Jugendliche versorgt werden, wobei die rechtlichen Grundlagen dafür in einem wenig transparenten Verhältnis zu den Schutzbestimmungen des ZGB standen. Letztere erlaubten ebenfalls „gefährdete" oder „verwahrloste" Minderjährige in einem Heim zu versorgen. Einen etwas anderen Weg als der Kanton Bern schlug Zürich ein. Das Zürcher Gesetz über die Versorgung von Jugendlichen, Verwahrlosten und Gewohnheitstrinkern von 1925 verstand sich als Ergänzungsanlass zum ZGB und regelte die Versorgung von Kindern über 12 Jahre. Soweit es aufgrund der aktuellen Forschung beurteilt werden kann, blieb die Übertragung des kantonalrechtlichen Versorgungsverfahrens an die Jugendanwaltschaften, wie es der Kanton Bern vorsah, jedoch ein Spezialfall. Was auch besonders durch die Recherche deutlich wurde, ist hier der hohe Anteil an weiblichen Jugendlichen.


Das Durchgangsheim Heimgarten im Berner Obstbergquartier.

Kurzbiografie:
Urs Germann ist Historiker und hat verschiedene Beiträge zur Geschichte der Psychiatrie, der Strafrechtspflege und des Sozialstaats veröffentlicht. Er hat als Archivar und Forschungskoordinator gearbeitet und ist gegenwärtig als Leiter der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern, als Leiter des Rorschach-Archivs sowie als freier Mitarbeiter am Institut für Medizingeschichte der Universität Bern tätig.

Text: Walter Zwahlen


Zur Nacherziehung versorgt - Die administrative Versorgung von Jugendlichen im Kanton Bern 1942-1973, Urs Germann, Berner Zeitschrift für Geschichte, 2018